„Nach Auschwitz noch Gedichte schreiben?“ (T. W. Adorno)

Auf diese Frage wurde ich bei der Gedenkfeier zur 70. Befreiung des KZ Bergen-Belsen mal wieder mit Vehemenz gestoßen. In der gleichen Woche, in der ich in Armenien die unbewältigten Traumata, die vom Völkermord durch das Osmanische Reich ausgelöst wurden, hautnah erfahren musste, gedachten wir gemeinsam mit Überlebenden des KZ, Bundespräsident Joachim Gauck, Ministerpräsident Stefan Weil, Justizministerin Antje Niewisch-Lennartz und Veteranen der britischen Armee, die Bergen-Belsen im April 1945 befreit hatten, einem der ganz finsteren Kapitel unserer deutschen Historie.

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»Wer spricht denn heute noch von der Vernichtung der Armenier?« Mit dieser Aussage Adolf Hitlers bei einem Treffen mit den Oberkommandierenden auf dem Obersalzberg am 22. August 1939 wurde deutlich, dass die internationale Ignoranz einem Genozid gegenüber Hitler dazu ermunterte, sich seinerseits sicher zu fühlen, dass auch sein Vernichtungszug gegen Juden, Sinti, Roma, Homesexuelle, Kommunisten und viele andere Gruppen, wofür auch Bergen-Belsen als furchtbares Mahnmal steht, ungesühnt bleiben würde. Wie wir heute wissen, ging diese Rechnung zwar glücklicherweise nicht auf, mehr als 70.000 Menschen aber verloren allein in dem Konzentrations- und Kriegsgefangenenlager in der Heide ihr Leben.

Stellvertretend für knapp 100 Überlebende des Lagers, die an der Zeremonie am großen Obelisken teilnahmen, erinnerten Sprecher_innen der Opfervereinigungen aus Israel, der Ukraine, Frankreich, Polen, Ungarn und den USA an die unvorstellbaren Leiden der Lagerzeit, aber auch an Überlebenswillen und den Neuanfang nach der Hölle von Bergen-Belsen. Romani Rose, Stefan Weil und Joachim Gauck verdeutlichten in ihren Grußworten, dass neben dem unbedingten Schuldeingeständnis auch der Blick nach vorn unbedingt politisch und gesellschaftlich geboten sei. Der Kampf gegen jede Form von Rassismus und Rechtsextremismus bleibt uns dauerhaft als Vermächtnis auch von Bergen-Belsen erhalten.

Lernen sollten wir für die aktuelle Debatte um den Völkermord an den Armeniern und auch für die noch nicht abgeschlossene Aufarbeitung des deutschen Völkermords an den Herero, dass nur eine profunde Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte die Grundlage für Versöhnung und Verzeihung sein kann. Und dann kann man auch gemeinsam trauern – und wieder Gedichte schreiben.

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